Barrierefreiheit ab 2025 — Was das BFSG für deine Webseite bedeutet

Seit Juni 2025 müssen viele Webseiten barrierefrei sein. Was das konkret heißt, wen es betrifft und was du jetzt tun solltest — verständlich erklärt.

Ratgeber · 11 Min. Lesezeit · · Tassilo Häbich

Illustration: KI-generiert

Seit dem 28. Juni 2025 gilt in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz — kurz BFSG. Für viele Unternehmen bedeutet das: Die eigene Webseite muss barrierefrei sein. Wer das ignoriert, riskiert Bußgelder bis zu 100.000 Euro und Abmahnungen durch Wettbewerber.

Klingt bedrohlich? Muss es nicht sein. In diesem Ratgeber erklären wir, was das Gesetz konkret verlangt, ob du betroffen bist und welche Schritte du jetzt unternehmen solltest.

Was ist das BFSG — und warum gibt es das?

Das BFSG setzt eine EU-Richtlinie um, den sogenannten European Accessibility Act. Bisher galten Barrierefreiheits-Pflichten nur für öffentliche Stellen — also Behörden, Kommunen, Ministerien. Seit Juni 2025 sind erstmals auch private Unternehmen betroffen, die Produkte oder Dienstleistungen an Verbraucher anbieten.

Der Hintergrund: Rund 13 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Behinderung oder Einschränkung. Dazu kommen Millionen älterer Menschen, die von einer barrierefreien Gestaltung profitieren. Das Gesetz soll sicherstellen, dass diese Menschen digitale Angebote gleichberechtigt nutzen können.

Wichtig: Das BFSG gilt seit dem 28. Juni 2025 — ohne Übergangsfrist für Webseiten und Online-Shops. Wer einen Online-Shop betreibt oder über die Webseite Verträge abschließt, muss jetzt barrierefrei sein.

Bin ich betroffen? Die ehrliche Antwort

Nicht jede Webseite fällt unter das BFSG. Hier die Faustregel:

Du BIST betroffen, wenn:

  • du einen Online-Shop betreibst (egal ob 5 oder 5.000 Produkte)
  • Kunden über deine Webseite Verträge abschließen können (Buchungen, Bestellungen, Terminreservierungen)
  • du Online-Banking oder Finanzdienstleistungen anbietest
  • deine Webseite eine Buchungsplattform ist (Kurse, Events, Hotels)

Du bist NICHT betroffen, wenn:

  • du eine reine Firmenpräsentation hast (Startseite, Über uns, Kontaktformular — ohne Verkaufsfunktion)
  • deine Webseite ein reiner Blog ohne kommerzielle Transaktionen ist
  • du ausschließlich B2B arbeitest (nur Geschäftskunden, keine Endverbraucher)

Du bist AUSGENOMMEN, wenn:

  • dein Unternehmen weniger als 10 Mitarbeiter hat UND unter 2 Millionen Euro Umsatz liegt (sogenannte Kleinstunternehmen)

Achtung: Diese Ausnahme gilt nur für Dienstleistungen. Wenn du Produkte herstellst oder vertreibst, gelten die Regeln trotzdem.

Der Graubereich: Hybride Webseiten

Was ist mit einer Unternehmensseite, die auch einen kleinen Shop hat? Oder einem Blog mit Terminbuchung? Hier gilt: Alles, was mit einem Vertragsabschluss zusammenhängt, muss barrierefrei sein. Das betrifft den gesamten Weg — von der Produktseite über den Warenkorb bis zur Bestätigung. Die reine „Über uns”-Seite daneben? Nicht zwingend, aber empfehlenswert.

Was bedeutet „barrierefrei” konkret?

Das Gesetz verweist auf die WCAG 2.1 — das sind internationale Richtlinien für barrierefreie Webinhalte. Klingt technisch, lässt sich aber auf vier verständliche Prinzipien herunterbrechen:

1. Wahrnehmbar — Alle können sehen, hören oder lesen

  • Bilder brauchen Alternativtexte. Wenn ein blinder Mensch einen Screenreader nutzt, muss das Programm beschreiben können, was auf dem Bild zu sehen ist. „IMG_4523.jpg” hilft niemandem — „Teamfoto unserer Mitarbeiter vor dem Bürogebäude” schon.
  • Videos brauchen Untertitel. Nicht nur für gehörlose Menschen — auch in der S-Bahn ohne Kopfhörer sind Untertitel Gold wert.
  • Kontraste müssen stimmen. Hellgrauer Text auf weißem Hintergrund sieht vielleicht elegant aus, ist aber für Menschen mit Sehschwäche nicht lesbar. Mindestens 4,5:1 Kontrastverhältnis bei normalem Text.

2. Bedienbar — Alle können die Webseite nutzen

  • Tastatur-Navigation. Jeder Button, jedes Menü, jedes Formular muss ohne Maus erreichbar sein. Viele Menschen mit motorischen Einschränkungen nutzen nur die Tastatur.
  • Keine Zeitfallen. Wenn ein Formular nach 30 Sekunden abläuft, ist das für Menschen, die langsamer tippen, ein echtes Problem.
  • Kein blinkendes Design. Blitzende oder flackernde Elemente können bei Menschen mit Epilepsie Anfälle auslösen.

3. Verständlich — Alle verstehen, was passiert

  • Klare Sprache. Keine verschachtelten Bandwurmsätze, keine unnötigen Fachbegriffe.
  • Vorhersehbare Navigation. Wenn das Menü auf der Startseite links ist, sollte es auf allen Seiten links sein.
  • Hilfe bei Fehlern. Wenn jemand im Formular das Datum falsch eingibt, sollte die Fehlermeldung erklären, welches Format erwartet wird — nicht nur „Ungültige Eingabe” anzeigen.

4. Robust — Die Technik funktioniert überall

  • Sauberer HTML-Code. Überschriften müssen als Überschriften markiert sein, Listen als Listen, Formulare mit korrekten Labels. Das ist die Basis, damit Screenreader und andere Hilfsmittel die Seite richtig interpretieren.
  • Kompatibilität. Die Webseite muss mit verschiedenen Browsern und assistiven Technologien funktionieren — nicht nur auf dem neuesten Chrome.

Was passiert, wenn ich nichts tue?

Das BFSG hat Zähne. Die Konsequenzen bei Nichteinhaltung:

Bußgelder

  • Bis zu 100.000 Euro bei schwerwiegenden Verstößen
  • Bis zu 10.000 Euro bei leichteren Verstößen
  • Die Marktüberwachungsbehörde kann Stichproben durchführen

Abmahnungen

  • Wettbewerber und Verbraucherschutzverbände können Verstöße abmahnen — ähnlich wie bei DSGVO-Verstößen
  • Das bedeutet: Anwaltskosten, Unterlassungserklärungen und möglicherweise Vertragsstrafen

Vertriebsverbote

  • Im schlimmsten Fall kann die Behörde anordnen, dass dein Online-Shop vom Netz genommen wird, bis die Mängel behoben sind

Reputationsschaden

  • Kunden und Partner achten zunehmend auf Barrierefreiheit — ein nicht barrierefreier Auftritt kann Vertrauen kosten

7 praktische Schritte zur barrierefreien Webseite

Schritt 1: Prüfen, ob du betroffen bist

Geh die Checkliste oben durch. Wenn du einen Online-Shop betreibst oder über deine Webseite Verträge abschließt und kein Kleinstunternehmen bist — dann ja.

Schritt 2: Ist-Zustand analysieren

Nutze kostenlose Tools für eine erste Einschätzung:

  • Google Lighthouse (in Chrome eingebaut: F12 → Lighthouse → Accessibility)
  • WAVE (wave.webaim.org — zeigt Fehler direkt auf der Seite an)
  • axe DevTools (Browser-Erweiterung für detaillierte Prüfung)

Diese Tools finden die offensichtlichen Probleme — fehlende Alternativtexte, zu geringe Kontraste, falsche Überschriften-Hierarchie. Für eine vollständige Prüfung brauchst du einen manuellen Test.

Schritt 3: Die größten Baustellen zuerst

In unserer Erfahrung sind das die häufigsten Probleme:

  1. Fehlende Alternativtexte bei Bildern (betrifft fast jede Webseite)
  2. Zu geringe Kontraste (besonders bei Grautönen und dezenten Farben)
  3. Tastatur-Navigation funktioniert nicht (Dropdown-Menüs, modale Fenster, Slider)
  4. Formulare ohne Labels (Platzhaltertext ist kein Ersatz für echte Labels)
  5. Keine Überschriften-Hierarchie (H1, H2, H3 in logischer Reihenfolge)

Schritt 4: Drittanbieter prüfen

Du bist für deinen gesamten Online-Auftritt verantwortlich — auch für eingebundene Dienste. Prüfe:

  • Ist dein Cookie-Banner barrierefrei bedienbar?
  • Kann man das Chat-Widget per Tastatur nutzen?
  • Sind eingebundene Buchungssysteme und Zahlungsanbieter barrierefrei?

Schritt 5: Erklärung zur Barrierefreiheit

Auch wenn du noch nicht zu 100 % barrierefrei bist: Dokumentiere, was du bereits umgesetzt hast und wo es noch Lücken gibt. Das zeigt guten Willen und kann bei Prüfungen helfen.

Schritt 6: Prozesse anpassen

Barrierefreiheit ist kein einmaliges Projekt. Wenn neue Inhalte eingepflegt werden — Blogbeiträge, Produkte, Bilder — müssen auch diese barrierefrei sein. Schule dein Team oder lege klare Regeln fest.

Schritt 7: Professionell prüfen lassen

Automatische Tools finden etwa 30–40 % der Probleme. Für den Rest brauchst du manuelle Tests — idealerweise durch jemanden, der sich mit Barrierefreiheit auskennt. Das kostet, spart aber langfristig Ärger.

Was kostet eine barrierefreie Webseite?

Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, wo du stehst.

Bestehende Webseite nachbessern

Umfang Typische Kosten
Kleine Webseite (5–10 Seiten, grundlegende Korrekturen) 500 – 2.000 EUR
Mittlere Webseite (15–30 Seiten, Shop) 2.000 – 5.000 EUR
Große Webseite (50+ Seiten, komplexe Funktionen) 5.000 – 15.000 EUR

Neue Webseite direkt barrierefrei bauen

Wenn du ohnehin eine neue Webseite planst, kostet die barrierefreie Umsetzung in der Regel 10–20 % mehr als eine nicht-barrierefreie Version. Das ist deutlich günstiger, als nachher alles umzubauen.

Laufende Kosten

  • Regelmäßige Prüfungen: 200–500 EUR pro Jahr
  • Schulung für Content-Pflege: einmalig 200–500 EUR

Häufige Missverständnisse

„Barrierefreiheit ist nur für blinde Menschen”

Falsch. Barrierefreiheit hilft Menschen mit Sehschwäche, motorischen Einschränkungen, Hörschwierigkeiten, Lernbehinderungen — und auch älteren Menschen, die einfach nicht mehr so gut sehen oder so schnell klicken können. Und mal ehrlich: Auch du profitierst von klaren Kontrasten, logischer Navigation und gut lesbaren Texten.

„Meine Webseite hat ein Barrierefreiheits-Plugin, das reicht”

Leider nein. Diese Overlay-Plugins (die ein kleines Rollstuhl-Symbol einblenden) ändern nicht den zugrunde liegenden Code. Screenreader können die Seite trotzdem nicht lesen, wenn der HTML-Code nicht stimmt. Schlimmer noch: Einige Behindertenverbände raten aktiv von diesen Plugins ab, weil sie oft mehr Probleme schaffen als sie lösen.

„Barrierefreiheit macht die Webseite hässlich”

Das war vielleicht vor 15 Jahren so. Heute sind viele der bestgestalteten Webseiten gleichzeitig die barrierefreiesten. Gute Kontraste, klare Typografie und logische Strukturen sind Designprinzipien — keine Einschränkungen.

„Das betrifft mich als kleines Unternehmen nicht”

Möglicherweise stimmt das — wenn du unter 10 Mitarbeiter und unter 2 Millionen Euro Umsatz hast UND nur Dienstleistungen anbietest. Aber auch wenn du formal ausgenommen bist: Barrierefreiheit verbessert deine Webseite für alle Besucher und ist ein echtes SEO-Plus. Google belohnt schnelle, gut strukturierte und zugängliche Webseiten.

Barrierefreiheit als Chance

Ja, das BFSG bringt Pflichten mit sich. Aber es ist auch eine Gelegenheit: Eine barrierefreie Webseite ist in der Regel schneller, besser strukturiert und einfacher zu nutzen — für alle Besucher. Das verbessert deine Conversion-Rate, deine Suchmaschinen-Rankings und das Nutzererlebnis insgesamt.

Unternehmen, die früh auf Barrierefreiheit setzen, verschaffen sich einen Wettbewerbsvorteil. Während die Konkurrenz noch grübelt, hast du bereits eine Webseite, die alle Menschen willkommen heißt.

Unsere Empfehlung

Warte nicht auf eine Abmahnung. Starte mit einer Analyse deiner aktuellen Webseite — die kostenlosen Tools liefern bereits einen guten ersten Überblick. Setze dann die größten Baustellen um und plane Barrierefreiheit als festen Bestandteil deiner Webseiten-Strategie ein.

Übrigens: Die Webseite, auf der du gerade liest, wurde von Anfang an nach WCAG 2.1 AA entwickelt — mit ARIA-Labels, Tastatur-Navigation, Skip-Links und ausreichenden Kontrasten. Wenn du wissen möchtest, wie das auch für deine Webseite funktionieren kann, beraten wir dich gerne in einem kostenlosen Erstgespräch.

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  • Barrierefreiheit
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